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Der Puppenspieler

24./25.9.2006

 

 

Endlich, endlich, hörte Pipo das erste Morgengrauen.

Er hörte es im Gesang des kleinen Vogels, der genau über ihm im Geäst saß.

Er hörte es, bevor er es sah, denn seine Augen waren anscheinend nicht so gut, wie die des Vogels. Oder aber der Vogel sah den ersten Lichtstreifen im Osten einfach deshalb früher, weil er so hoch im Geäst saß.

Das die ganze Nacht so sehr ersehnte Licht!

Jetzt endlich, endlich konnte er schlafen, nur ein oder zwei Stunden zwar, aber ein ein- oder zweistündiger Schlaf relativer Angstlosigkeit und in einigermaßen Entspanntheit tat besser als der sechsstündige Wechsel von Einnicken und Aufschrecken.

Pipo hatte Angst.

Er hatte immer Angst.

Permanent,

Bei Nacht, wenn er zitterte und bibberte, bei Tag, wenn er lachte und spaßte, weinte und fluchte, die Angst wohnte in ihm, ob er sie gerade sah oder nicht.

Es gab keinen Augenblick, in dem er keine Angst hatte.

Nur die Nacht, sobald das Licht sich hinter dem gewaltigen Erdball versteckte, schien seiner Angst Nahrung zu sein, so dass sie so gewaltig anwuchs, dass sie ihm fast den Atem nahm.

Wie oft schon hatte er sich gewünscht mit seiner Angst in der Nacht zu wachsen, dann wäre er groß genug, um mit der Sonne nach Westen davonzulaufen.

Dann wäre dieser bunte Ball, der sich beständig drehte, für ihn klein genug, dass er, Pipo, mithalten könnte, mit seinen Füssen mitlaufen, so dass er immer oben war, wie im Zirkus die Jongleure, die auf dicken rollenden Bällen balancieren und es sähe so aus, als würde er, Pipo, die Erde mit seinen Schrittchen im Rollen halten und nicht das Rollen der Erde ihn am Laufen.

Dann hätte er sein Gesicht immer der Sonne zugewendet, diesem leuchtenden Ball, den einzufangen er sein Leben widmen würde. Obwohl er auch dann wüsste, dass er ihn nie und nimmer erhaschen könnte, weil er zu weit, weil er zu hoch, weil er zu heiß ist. Weil dieses Licht auch dann, wenn Pipo so groß wie seine Angst wäre und so groß wie alle Ängste auf dieser Erde, noch immer viel zu mächtig für ihn wäre, um es einzufangen.

Pipo war ein Puppenspieler.

Oder nein! Pipo war eine Puppe, eine Handpuppe an der Hand eines Puppenspielers, der einst diese Puppe Pipo nannte und längst vergessen hatte, das er der Puppe den Namen gab, dass es seine Hand ist, die unter dem Stoff der Puppe sich bewegte, dass es seine Stimme ist, die diese Puppe sprechen ließ, dass er es war, der diese Puppe beseelte.

Er war ein Meister unter den Puppenspielern, die alle darauf bedacht waren, ihre Puppen zu beseelen, ganz und gar in sie hineinzuschlüpfen, dabei selbst unsichtbar zu werden.

Die Anfänger, die Banausen, die bauten sich dazu eine Kaspertheaterbühne auf, und versteckten sich gebückt dahinter, so dass man nur die Kasparfiguren über ihnen sah; oder aber sie traten in Schwarz gekleidet im Dunkeln auf, den Scheinwerferkegel auf die Puppengerichtet.

Ein wahrer Meister jedoch, der stand groß und breit vor seinem Publikum mit seiner Puppe über seiner Hand und wurde dennoch nahezu unsichtbar.

Der Erfolg zeigte sich darin, dass die Zuschauer nach dem Auftritt sich darüber hätten streiten können, ob der Puppenspieler einen Schnurbart oder eine Brille trug, ob er alt oder jung war, ob er einssechzig oder zwei Meter groß, dünn oder dick war.

Die Leute stritten sich selten darum.

Bei Pipo, stritten sie sich nie darum; ich meine bei dem Puppenspieler, dessen Puppe Pipo hieß.

Ich selbst weiß es nicht, nicht mal ich selbst, wo ich doch diese Geschichte schreibe, aber auch nicht weiß, ob ich über eine Puppe oder einen Menschen schreibe, ja weiß nicht mal, ob es ein Mann oder eine Frau, ein Junge oder ein Mädchen, ein Afrikaner oder ein Norweger, ein Quasimodo oder eine Aphrodite war ...

Wie soll man auch erkennen, ob das, was gerade unsichtbar ist, gerade isst oder schläft, ob es kluge, listige Augen hat oder dumm und stumpf einher blickt, ob es in Lumpen oder im Abendkleid vor einem steht.

 

Früher, in seinen glorreichen Anfängen, vor einem oder hundert Jahren, da gab es in Zeitung und Illustrierten Abbildungen von ihm, dem Puppenspieler, wie er seinen beköpften Handschuh vor sich hielt und es gab ein paar Zeilen über seinen Lebenslauf. Doch diese Zeitungen wurden längst von Anstreichern zum Abdecken von Fußböden benutzt, von Landstreichern zum zudecken oder sie verschwanden in Schubladen, deren Innenfächer damit ausgeschlagen wurden oder beim Entfachen eines Lagerfeuers, zusammengeknüllt und lichterloh auflodernd.

 

Doch auch diese aufflackernde Helligkeit konnte Pipo nicht mehr erreichen, wenn er in der Nacht dem Tag entgegenbibberte, wenn er dalag, seine glasigen Augen gegen den Himmel gerichtet, in denen sich die Sterne selber zählten.

 

Pipo war es nun, der über alle Maßen berühmt war, die in allen Zeitungen und Bildschirmen, auf Poster und Stickers zu sehen war, die, von der Industrie klobig und unvollkommen nachgemacht, die Kaufhäuser und Spielwarengeschäfte zu guten Umsätzen führte, die als Postkarte oder Briefbeschwererfigur in fast keinem Haushalt mehr fehlte, ob kinderreiche Familie oder kinderlose Singles.

Längst war Pipo nicht nur eine Sache von Kindern, längst hatte er auch die Herzen der Erwachsenen erobert.

 

Dennoch waren es meist Kinder, die Pipo aus seinem wohlverdienten Schlaf rissen, Kinder auf dem Weg zur Schule oder sonntags auf dem Weg zur Kirche oder die von seinem Aufenthalt in ihrem Städtchen wussten und nicht eher ruhten, bis Vater oder Mutter oder beide ihnen erlaubten, heute früher zur Schule zu gehen. Dies fiel ihnen auch meist nicht schwer, da die Eltern selbst dieses schon so früh angesetzte Theaterstück zu gerne mit ansehen wollten, es ihren Kindern oder Freunden gerne als Überraschung – vielleicht gerade zum Geburtstag – schenkten.

Aber eigentlich brauchte sich niemand zu eilen, denn dieses Theaterstück ging den ganzen Tag lang.

 

Pipo lag also auch an diesem Morgen da, mit seinen offenen in den ersten Sonnenstrahlen glitzernden Glasaugen und doch diese allmorgendlich Wunder des Sonnenaufgangs nicht schauend und mit seinen Stoffohren, die wieder mal das wundervolle Vogelkonzert verpasst hatten und er rührte sich erst dann, wenn eines der ihn inzwischen umringenden Kinder mutig, ungeduldig oder dreist genug wurden und ihn immer lauter mit „Guten Morgen Pipo“ wurden ja ab und an auch mit einem langen Grashalm oder einem pieksenden Strohhalm an seiner Nase herumstocherten.

Pipo wachte auf, wischte sich unbeholfen mit seinen Stoffhändchen den Schlaf aus den Augen und hatte allein mit diesen Bewegungen schon sein Publikum in vollen Bann gezogen.

Jede Bewegung, die sie machte, jedes Wort das sie sprach, murmelte oder auch nicht sprach, alles war perfektes Theater, alles wurde mit Begeisterung und Bewunderung aufgenommen. Dabei hätte wohl kaum einer je gedacht, dass es dazu schon lange kein „Drehbuch“ mehr gab, dass diese geniale Aufführungen gar nicht und nie geschrieben, konzipiert und vorbereitet worden waren, dass sie dem Leben oder dem Nichtleben dieser Puppe selbst applaudierten, gerade so, als stünden mir bei meiner morgendlichen Toilette die Zuschauer im Bad in den Füßen herum und klatschen tosend Beifall, wenn mir die schäumende Zahnpaste am Mundwinkel herablief.

Nicht einmal Pipo hätte dies geglaubt, er am wenigsten.

Aber schon sprang und hüfte diese Puppe herum, alberte und sang, fluchte und lachte, reagierte geschickt und gekonnt auf sein Publikum, jonglierte mit Worten und witzelte, dass die Zuschauer mit Taschentüchern ihre Tränen trocknen mussten oder sie dramatisierte, dass die Zuhörer das gleiche taten.

Aber auch wenn er überhaupt keine Lust und keine Ideen gehabt hätte, diesen Menschen etwas vorzuspielen, sie stattdessen beschimpfte und verfluchte, sie ignoriert und mit Nichtstun hätte bestrafen wollen, es wäre als ganz besondere Aufführung wie ein Lauffeuer in der ganzen Stadt weitererzählt worden und jeder hätte sich gegrämt, bei dieser Sondervorstellung nicht dabei gewesen zu sein.

 

Pipo konnte Theater spielen, wie kein Zweiter!
Er konnte nur eines nicht, er konnte nicht kein Theater spielen!

 

Pläne, Absprachen mit Veranstalter, Termine, Programmhefte, Manuskripte – all dies gab es schon lange nicht mehr bei Pipo,  und wenn doch, so war es schon Inhalt des aufgeführten Stückes.

Keiner wusste was aufgeführt wurde und auch nicht wo.

Nur wann Pipo ein Theaterstück aufführte, wusste jeder: Immer!

Ob Pipo nun mit seinen kleinen Patschhändchen aß, trank, Klavier spielte oder sich am Kopf kratzte, ob er den Kochlöffel oder den Dirigentenstab schwang, ob er mit der Pfefferpistole schoss oder einen Friedensballon steigen ließ, immer wirkte es einerseits köstlich unbeholfen und tollpatschig, andererseits amüsant bewundernswert, was alles mit diesen kleinen Händchen einer Handpuppe gehandhabt werden konnte.

 

Wie viele Stunden, Tage, Jahre fleißigen Übens musste wohl ein Puppenspieler damit verbringen, mit diesen unvollkommenden Händchen solche Dinge zu vollbringen.

 

Ja sogar das Füttern, Ankleiden, Waschen, Frisieren des Puppenspielers selbst übernahm Pipo, was diesen für Momente dann doch wieder sichtbar werden ließ, aber es schien, als sei er die Puppe, mit der Pipo solche Kunststücke vollbrachte, dass er ihn zum Singen und Springen bewegen konnte, zum Lachen und zum Weinen. Ja es sah sogar so echt aus, wenn er aß und trank, dass man wetten konnte, dieser habe wirklich alles heruntergeschluckt!

Und zum Glück wurden solche Einlagen tagtäglich gebracht, sonst wäre doch der Puppenspieler mit der Zeit glatt verhungert.

 

Doch all diese Handlungen konnte Pipo nur sehr mäßig ausführen.

Auch wenn sie in ihren Fertigkeiten als Puppe noch so sehr bewundert wurde und als die „geschickteste Handpuppe aller Zeiten“ galt, war sie der Fingerfertigkeit der Hand, die sie führte, die in ihr stak, weitaus unterlegen.

 

So fütterte sie den Puppenspieler mehr schlecht als recht durch, sudelte dabei hier ein wenig und da ein bisschen, säuberte nur sehr oberflächig, schnitt die Haare nicht ganz so akkurat, bügelte die Hemden nicht allzu knitterfrei.

Auch das Kochen ging natürlich nicht so gut von der Hand oder den Händchen, auch wenn da – und das vergaß ich bisher zu erwähnen, aber wie sollte das bei einem ordentlichen Puppenspieler anders sein – auch noch weitere Puppen im Spiel waren, die Pipo bei all dem durchaus eine große Hilfe waren.

In ihnen steckte stets die linke Hand des Puppenspielers. Wohl schlüpfte sie mal in diese, mal in jene Puppe, und ward dann auch durchaus für aufmerksame Blicke für Sekundenbruchteile zu sehen, während die Rechte niemals, zu keinem Augenblick mehr ihren Pipo verließ. Nie lag Pipo da, leblos, unbeseelt, wie die anderen. Dennoch saß in diesen ebensoviel Leben und Geschick, sobald sie beseelt waren, beseelt von Hand und Stimme des Puppenspielers und sie sprachen mit Pipo und sie tanzten mit ihm, sie zankten und kämpften, spaßten  und trauerten mit Pipo, als Wolf, als Räuber, als Kasper und Seppel, als Zauberer und Hexe, als Professor und Tor, als König und Narr.

Sie verliebten sich in ihn und er sich in sie, wenn es Prinzessin, Nixe oder Gretel waren, töteten einander, wenn es Krieger und Mörder waren.

 

 

So spielte die rechte Hand mit der linken, ohne sich jemals wieder zu erkennen, sie stritten so ernsthaft und selbstverloren miteinander ohne zu erkennen, dass sie ja derselbe sind, nämlich der Puppenspieler.

Sie kämpften so verbissen in Wort und Tat miteinander, dass die Zuschauer sprachlos waren oder auch nicht und sich manch einer ein Herz nahm, um die beiden Streithähne auseinander zu holen, denn sie fügten sich wahrhaft Schaden an, denn wenn die Puppen vergessen hatten, dass sie nur Puppen waren, so hatte die linke Hand vergessen, dass ihr Gegner ihr rechter Bruder war.

Ja, eigentlich hatte natürlich der bezaubernde Puppenspieler samt seinem verzauberten Publikum vergessen wer hier was oder was hier wer war.

Ja die Zuschauer selbst wurden zum Theater, zu Aufführenden, zu Mitwirkenden, sodass eine Grenze nicht mehr klar gezogen werden konnte.

 

Nun wurden also alle Arbeiten und alles Tun des Puppenspielers – außer dem Puppenspiel selbst – recht unvollkommen von seinen Puppen ausgeführt und der Schausteller sah mehr und mehr verwahrlost aus.

Die Puppen schufteten zwar was sie konnten, wuchsen vielleicht sogar über sich selbst hinaus, doch das Essen zubereiten, das Annähen eines Knopfes, das Zubinden der Schuhe und vor allem die Sauberhaltung von Kleidung und die Körperpflege waren allzu mühsam, zeitaufwendig und mangelhaft, einen Knoten zu öffnen oder einen Splitter herauszuziehen gar unmöglich.

So schlich sich Krankheit und Schwäche, begleitet von üblen Gerüchen, und letztlich auch eine gewisse Einfallslosigkeit ein.

Die Puppen selbst konnten sich ja auch nur sehr ungenügend gegenseitig reparieren und säubern und dies war mehr von Nöten, als bei jeglicher Puppe eines anderen Puppenspielers, da sie Tag und Nacht im Dienst waren, sich beschmutzen und bekleckerten, ihre Stoffe hier einrissen, dort löchrig wurden und bald wurden ihre Umhänge dünn und brüchig, das Material spröde, die ganzen Figuren unansehnlich ja schlampig.

Allen voran Pipo!

So konnte es natürlich nicht ausbleiben, das die Leute ihre Kinder nicht mehr ganz so nah heranließen, dass es den Kindern immer mehr Mühe machte, ihre Eltern zu einem Theaterbesuch zu überreden, und wollten es, bald selbst ein wenig angeekelt, schließlich selbst nicht mehr.

So war Pipo mit seinen Puppenbrüdern und Schwestern ganz alleine unter sich  - ach ja – und mit dem Puppenspieler.

 

In letzter Zeit waren sie zunehmend garstig zueinander, mochten sich selbst und einander nicht mehr leiden und hatten mehr und mehr aneinander auszusetzen. Bittere Vorwürfe darüber, wer am Ausbleiben des Publikums Schuld sei – und überhaupt -, hagelten nur so herab. Was der eine tat, fand der andere schlecht. Die Zerlumptheit des einen wurde von dem anderen angeprangert, um seine eigene zu verbergen.

Ja sogar dieses sich aufschaukelnde unsoziale Verhalten wurde mit jeweils eigenen Maßstäben miteinander vermessen und dem Gegenüber als Unverschämtheit, als Unmöglich, als asozial entgegengeschleudert.

Dies alles führte dramatischer Weise dann auch noch dazu, dass sie sich nicht mehr gegenseitig halfen oder helfen ließen, so dass ihr einander gegenseitig vorgeworfener Zustand sich für alle drastisch verschlimmerte. Löcher wurden nun überhaupt nicht mehr gestopft, abgerissene Teile nicht mehr – wenn auch noch so popelig – angenäht, sich nicht einmal mehr gegenseitig oder selbst gesäubert, nicht nur weniger, als je zuvor, sondern überhaupt nicht mehr.

 

Doch manchmal., wenn Pipo, ein paar Stunden für sich hatte, wenn die anderen Puppen sich in Erschöpfung eines Streites auf der anderen Körperseite des Puppenspielers verbargen, da stellte er sich doch auch mal die Frage: „Wer bin ich?“, „Was tu ich da eigentlich?“, „Wozu all dies?“, „Was ist mit mir los?“, „Was ist mit uns los?“, „Was ist mit mir, wenn ich nicht mehr bin?“ „Wo sind die anderen, wenn sie nicht mehr sind?“.

So begann der gute alte Pipo mehr und mehr in sich hineinzuhorchen und in sich hineinzuschauen, in sich hineinzufühlen.

„Woher kommen meine Gedanken?“

„Sind diese Gefühle wirklich meine Gefühle?“

Plötzlich erlebte er es wie ein kleines Wunder, das er sich bewegen konnte, fragte sich, die anderen wacher wahrnehmend, wie es kam, dass sie manchmal wie leblos in der Kiste lagen und dann wieder quietschmunter herumtollten, ohne äußerlich irgendwelche Veränderungen feststellen zu können.

„Was ist es, das mich leben lässt?“

Er wurde zunehmend ruhiger, bedächtiger, aufmerksamer.

Er besah sich selbst intensiver, ebenso die anderen und es fiel ihm immer öfter auf, dass da etwas durch ihn und durch die anderen hindurchschimmerte, um so mehr, da sie und vor allem er selbst so löcherig und dünnstoffig geworden war.

Er erkannte, dass dieses „Etwas“ wohl das gleiche war, das auch kurz aufblitzte, wenn es bei einen der anderen verließ und in eine der anderen hineinzuschlüpfen schien.

Bald fragte er sich auch, ob wirklich er es sei, der dies alles sieht, der über all das nachdachte und nach und nach wurde der Puppenspieler aus seiner Unsichtbarkeit gehoben, obwohl er ja ehrlich gesagt nie wirklich unsichtbar gewesen war.

Manchmal war er über das, was er da erlebte und über seine Erkenntnisse zutiefst erschrocken, es machte ihm ungeheuere Angst, mehr als alles andere, da er befürchtete sich selbst zu verlieren, erkennen zu müssen, dass er ein Nichts ist, dass es ihn gar nicht gab und nie gegeben hatte und er fühlte sich verloren, verlorener und hilfloser schwächer und unwirklicher als je zuvor. Diese Angst schien noch viel größer als diese Angst in der Nacht. Oder es war genau diese Angst, nur dass er sich ihr jetzt gegenüberstellte, ihr begegnete.

Dann gab es aber auch Augenblicke in denen er sich größer und stärker, machtvoller und lebendiger als je in seinem Dasein erlebte, in denen die Angst auf ein Nichts zusammengeschrumpfte und ersichtlich wurde, dass sie überhaupt keine Macht, keine Kraft, keine Substanz hatte, dass es sie gar nicht gab, dass nur er selbst ihr diesen Daseinsschein verlieh. Gleichzeitig erkannte er auch, dass diese Größe nicht etwas für ihn allein war, so wie er sich früher auch scheinbar größer und besser als andere fühlte und es die anderen wissen und spüren ließ, sondern dass dieses Gefühl in absolut dem gleichen Maße, wie er es für sich erleben konnte auch für die anderen galt, auch für irgendwelche Puppen, die er gar nicht kannte und nie kennen lernen würde, auch für jeden einzelnen Zuschauer, für alles und jeden. Dann war sein Glücksgefühl so unermesslich groß, nein, es war kein Glück, es war mehr, es war Friede.

 

Und wenn er in solch friedlichen Stunden der Nacht begegnete,, da bemerkte er eine Leichtigkeit und ein Leuchten in sich selbst, dass er es völlig vergaß, dass die Dunkelheit dort draußen ihn so oft zum Zittern und Bibbern gebracht hatte und er schlief süß und fest die ganze Nacht hindurch, erwachte mit dem Morgengrauen, erlebte den Sonnenaufgang und das Vogelkonzert und hatte dadurch solch eine Freude in sich, die so manches mal den ganzen Tag anhielt und sich auf so manch anderen übertrug.

Da versöhnte er sich hier und da mit der einen oder anderen Puppe, erkannte seine eigenen Unzulänglichkeiten und es dauerte nicht lange, da waren auch die anderen Puppen, ob Wolf oder Fee, guter Dinge, schienen wieder nach und nach ihren eigenen wirklichen Charakter leben zu können und da spielten und tobten, tanzten und sangen, balgten und zankten sie wieder miteinander, dass es eine Freude war.

Eine Freude für jeden der ihnen dabei zusah, so wie man es so lange erlebt hatte, aber noch mehr zur eigenen Freude.

Denn sie taten es für sich, nicht für irgendein Publikum.

Nicht dass sie herannahende, wieder interessierte Passanten verjagten oder sofort das, womit sie gerade beschäftigt waren abbrachen, nein, aber es war ihnen einfach nicht mehr wichtig, es war ihnen gleichgültig, es hatte die gleiche Gültigkeit, man könnte sagen, sie waren davon befreit.

Insofern war es auch kein rechtes Theaterspiel mehr, obschon es sich unter den Zuschauern, die sich wieder immer zahlreicher einfanden, herumsprach, dass hier mehr geboten wurde, als je zuvor, eine Echtheit und Lebendigkeit, eine Wahrhaftigkeit, die einen irgendwo im Tiefsten berührte, von der man kaum etwas weitererzählen konnte, außer der Empfehlung, es selber erlebt haben zu müssen.

 

Dabei fiel ihnen nicht mal auf, dass immer mehr Stofffetzen von den Puppen abfielen und die Hände und die Finger des Puppenspielers immer mehr sichtbar wurden.

Pipo war der erste, der ganz und gar zerschunden und schließlich verschwunden war. Und doch war er nicht verschwunden. Er war sogar gegenwärtiger und präsenter als in der Zeit, als er noch eine Puppe war, oder in einer Puppenhülle steckte. Er war freier und somit auch die, die im begegneten, befreit auch von der Vor-stellung, wie Pipo aussah. So konnte er tiefer in die Seelen der Einzelnen wirken, oder besser, jeder einzelne konnte besser in seiner Seele wirken und dabei sich selbst kennen lernen und erkennen.

 

Und da sah man nun einen Puppenspieler, dessen eine bloße Hand, die sich Pipo nannte, mit den anderen Puppen spielen, und sie tanzten, zankten und kämpften, spaßten  und trauerten miteinander, als Wolf, als Räuber, als Kasper und Seppel, als Zauberer und Hexe, als Professor und Tor, als König und Narr.

Sie verliebten sich ineinander, wenn es Prinzessin, Nixe oder Gretel waren, töteten einander, wenn es Krieger und Mörder waren.

 

Aber auch der Puppenspieler selbst sah seiner entblößten Hand zu, blieb ebenfalls nicht unberührt von deren Spiel. Auch in ihm bewegte sich viel, auch er wirkte in seiner Seele und immer häufiger hielt er sie einfach nur vor seine Augen und zappelte ein wenig mit dem einen oder anderen Finger, übte Bewegungen, die in Puppenumhüllung nicht möglich gewesen wäre, erlebte neue Freiheiten, erweckte ungeahnte Fähigkeiten, erinnerte sich an lang, lang vergessene Tätigkeiten.

Und während er seine Fingerfertigkeiten langsam wieder erwachen ließ, stellte sich Pipo nach wie vor immer mal wieder diese Fragen. Diese Fragen nach dem „Was bin ich“ und „Wer bin ich“, sprach mit sich selbst im Stillen oder mit einer der anderen in tiefem Austausch, während der Puppenspieler, dies alles beobachtend, auf die Antwort blickte, ohne sie so recht zu begreifen.

 

Da kam der Tag, an dem der Puppenspieler die anderen Puppen sorgfältig in den Puppenkoffer legte und er ließ die beiden Hände miteinander spielen, und sie tanzten, zankten und kämpften, spaßten  und trauerten miteinander, als Wolf, als Räuber, als Kasper und Seppel, als Zauberer und Hexe, als Professor und Tor, als König und Narr.

Sie verliebten sich ineinander, wenn es Prinzessin, Nixe oder Gretel waren, töteten einander, wenn es Krieger und Mörder waren.

 

Er ließ die beiden Hände einander berühren, fühlte Haut und Nägel, Wärme und Beweglichkeit, Spürte Kraft und Feingefühl und wurde sich bewusst, zu welch wundervollen Fähigkeiten diese beiden Hände gemeinsam fähig waren.

Erinnerungen kamen auf, dass diese beiden Hände einst wundervolle Melodien den Saiten einer Gitarre entlockt hatten, sowie den Tasten eines Klaviers – nicht ein Ton neben den anderen hämmernd, wie es die unbeholfenen, doch ihr Bestes gebenden und von daher zu Recht von allen bewunderten Puppen es taten, sondern leicht, einfühlsam, gleitend.

Erinnerungen kamen auf, dass diese beiden Hände einst flechten, klatschen, streicheln, berühren, helfen, zupacken konnten -und auch Puppenspielen.

 

Da stand er eines frühen Morgens auf, warf der Morgensonne ein Strahlen zurück, das selbst sie heller werden ließ und sang mit bei dem großen Konzert, dass um ihn herumjubilierte und es klang reicher und voller, als je zuvor.

 

Der Puppenspieler benutzte nun seine beiden freien Hände um sich zu waschen und zu pflegen, ließ sie stopfen, flicken, säubern und geschäftig und geschickt, vergnüglich viele Arbeiten verrichtend durch den Tag tanzen.

 

Immer wieder hielt er aber inne, betrachtete erst die Rechte, ganz lange und intensiv, mit fragend offenem Herzen, bis er ganz verblüfft die Antwort begriff und erschrocken ausrief: „Das bin ich!“, dann, die Linke betrachtend in gleicher Inbrunst und auch hier erkennend seinem kleinen Verstand zurief. „Das bin ich!“

 

Viele Male, viele Dutzende Male sagte er dies, tagein tagaus.

Und es kam der Tag, an dem ihm der Atem stockte, an dem er seine Hände betrachtend erkannte, dass er stets mit sich selbst gestritten hatte, sich selbst beschuldigt, verprügelt, geliebt, dass er mit sich selbst getanzt, gezankt und gekämpft, gespaßt und getrauert hatte, als Wolf, als Räuber, als Kasper und Seppel, als Zauberer und Hexe, als Professor und Tor, als König und Narr.

Dass er sich in sich selbst verliebt hatte, wenn es sich als Prinzessin, Nixe oder Gretel erlebte, sich selbst tötete, wenn er sich als Krieger und Mörder sah.

Dass er sich selbst an der Nase herumgeführt hatte, dass er sich selbst das größte Theater vormachte, wenn er, Pipo, dass er, der Puppenspieler sich selbst tröstete, wenn er andere tröstete, sich selbst Weisheiten erzählte, wenn andere ihm Weisheiten erzählten, dass er sich selbst all die Hilfe gab oder versagte, all die Verletzungen zufügte oder wieder heilte, sich selbst verachtete oder bewunderte, wenn er es gegenüber einem anderen tat oder wenn es einer anderer ihm gegenüber tat.

 

So ging es wochen-, monate-, vielleicht sogar jahrelang und seine Hände schufen vieles, taten vieles, spielten vieles.

Er hatte, so kann man sagen, immer alle Hände voll zu tun. Und das mit unbändiger Freude.

 

Manchmal, da ergriffen seine beiden Hände wie von allein einen alten, verstaubten Koffer, in dem ein paar verschmutzte und verlumpte Puppen lagen, dalagen wie tot, und sie schlüpften hinein und bewegten und belebten , ja beseelten sie, ließen sie springen, tanzen, lachen und weinen ... bis sie wieder aus ihnen hinausschlüpften und sich dankbar und gegenseitig Halt und Wärme gebend ihre Finger ineinander verschränkten und zur Ruhe kamen.

Und da schaute der Puppenspieler auf seine betende Hände, die so, so lange in Puppen verborgen diese Haltung nicht mehr eingenommen hatten und hatten einnehmen können und fragte sich leise:

„Wer bin ich?“,

„Wozu all dies?“,

„Woher kommen meine Gedanken?“

„Sind diese Gefühle wirklich meine Gefühle?“,

„Was ist es, das mich leben lässt?“

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